Lieferengpässe, Cyberkriminalität, künstliche Intelligenz oder Migration: viele der großen Herausforderungen unserer Zeit sind komplex. Doch während die Welt immer vernetzter und ihre Zusammenhänge immer schwerer durchschaubar werden, scheint der Wunsch nach einfachen Antworten zu wachsen. Komplexität ist kein Thema, das sofort Bilder im Kopf entstehen lässt. Und sie lässt sich nur schwer in eine Schlagzeile packen. Anders als eine neu entdeckte Tierart oder ein Blick durchs Teleskop ist sie oft nicht von Anfang an faszinierend.
Doch was bedeutet Komplexität überhaupt? Was unterscheidet das Komplexe vom Komplizierten? Und warum ist ein Verständnis von Komplexität so wichtig, um viele der Herausforderungen unserer Zeit besser einordnen zu können?
Darüber diskutieren Anja Böck (Head of Communications am CSH) und Bernhard Haslhofer (Leiter der Forschungsgruppe Digital Currency Ecosystems am CSH). Durch den Abend führt wie gewohnt Moderatorin Regina Jankowitsch.
Im Anschluss an die Diskussion ab 18:30 Uhr lädt der Complexity Science Hub zu Snacks und Getränken sowie zu einer kurzen Führung durch das historische Palais Springer-Rothschild, den Sitz des Complexity Science Hub.
Wann: 24.09.2026, 17.30 Uhr
Wo: Palais Springer-Rothschild, Metternichgasse 8, 1030 Wien
Begrüßung:
Anja Böck (Head of Communications am CSH)
Johannes Angerer (Vizepräsident des PRVA)
Moderation: Regina Jankowitsch, Executive Coach und Kommunikationstrainerin und Mitglied des PRVA seit 1989
Dauer der Diskussionsrunde: ca. 1 Stunde
Was passiert, wenn an einer Stelle eines Systems etwas verändert wird und plötzlich ganz woanders Folgen entstehen? Beim Science-go-round meets Complexity Science Hub ging es nicht nur darum, was komplexe Systeme eigentlich sind, sondern auch um eine mindestens genauso schwierige Frage: Wie lässt sich darüber verständlich kommunizieren?
Lieferketten, Cyberkriminalität, soziale Netzwerke, Gesundheit oder künstliche Intelligenz: Viele der großen Themen unserer Zeit haben eines gemeinsam. Sie lassen sich nicht mit einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen erklären. Genau hier setzt die Komplexitätsforschung an.
Besonders anschaulich wurde das am Beispiel von Lieferketten. Denn schon der Begriff „Kette“ greift eigentlich zu kurz. In der Realität handelt es sich vielmehr um Netzwerke aus zahlreichen Unternehmen, Abhängigkeiten und Verbindungen. Fällt an einer Stelle ein Unternehmen aus, kann das kaum spürbare oder enorme Auswirkungen auf das gesamte System haben. Ähnlich funktioniert es in sozialen Netzwerken: Ein Posting kann vollkommen unbeachtet bleiben oder sich verbreiten, viral gehen und weitreichende Folgen entwickeln. Welche dieser Varianten eintritt, lässt sich nicht einfach linear vorhersagen.
Wie relevant dieses Denken in der Praxis ist, zeigte sich auch beim Thema Cyberkriminalität. Milliarden digitaler Transaktionen lassen sich nicht mit klassischen Ermittlungsmethoden einzeln nachvollziehen. Es braucht neue technische Zugänge und Methoden, um Zahlungsströme, Netzwerke und Strukturen sichtbar zu machen.
Gerade bei Cybercrime, so wurde diskutiert, müsse deshalb neu gedacht werden. Die digitale Welt erfordert andere Werkzeuge als jene, die aus einer primär physischen Vorstellung von Strafverfolgung stammen. Forschung kann dafür neue Methoden entwickeln. Entscheidend ist aber auch, wissenschaftliche Erkenntnisse in die praktische Anwendung zu bringen.
Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit von Forschung und Behörden. Aus wissenschaftlichen Methoden können Anwendungen und Spin-offs entstehen, die Erkenntnisse für Strafverfolgung und andere Bereiche tatsächlich nutzbar machen. Gleichzeitig wurde ein europäisches Problem angesprochen: Europa sei stark darin, Forschung voranzutreiben. Schwieriger werde es häufig beim Schritt von der Forschung in die praktische Umsetzung.
Damit Forschung Wirkung entfalten kann, muss sie allerdings nicht nur methodisch stark sein. Sie muss auch verstanden werden. Wissenschaftler:innen bewegen sich häufig in hochspezialisierten Fachwelten, in denen Begriffe und Zusammenhänge selbstverständlich erscheinen, die außerhalb dieser Community kaum jemand kennt.
Die zentrale Herausforderung lautet deshalb: Komplexität herunterbrechen, ohne sie falsch zu vereinfachen.
Denn echte Kompetenz zeigt sich auch darin, erklären zu können, warum Forschung für Menschen, Gesellschaft oder Alltag relevant ist. Gerade Fachbegriffe können dabei schnell zu einer Barriere werden. Was innerhalb einer Disziplin selbstverständlich klingt, kann für Menschen außerhalb des Fachgebiets unverständlich bleiben.
Am Complexity Science Hub wird deshalb versucht, Kommunikation früh mitzudenken. Neue Forschende erhalten unter anderem ein kommunikatives Onboarding. Trotzdem bleibt Wissenschaftskommunikation häufig ein „Add-on“. Publikationen, Journals und wissenschaftliche Kennzahlen bestimmen den Arbeitsalltag. Für Kommunikation fehlen dagegen oft Zeit und konkrete Anknüpfungspunkte. Gleichzeitig zeigt sich: Wenn Forschung medial aufgegriffen wird oder erste Social-Media-Beiträge Resonanz erzeugen, wächst auch die Bereitschaft, selbst stärker zu kommunizieren.
Dass dabei der Austausch zwischen unterschiedlichen Disziplinen helfen kann, gehört zum Grundgedanken des Complexity Science Hub. Forschende mit verschiedensten fachlichen Hintergründen kommen zusammen und betrachten Systeme aus unterschiedlichen Perspektiven. Gerade dieser Austausch macht sichtbar, wie unterschiedlich Begriffe, Methoden und vermeintliche Selbstverständlichkeiten verstanden werden können.
Das Fazit des Abends lässt sich deshalb vielleicht ganz einfach formulieren: Komplexe Themen brauchen keine künstlich einfachen Antworten, aber verständliche Erklärungen.
Dafür braucht es beides: Wissenschaft, die bereit ist, ihre eigene Fachsprache zu verlassen, und professionelle Kommunikation, die Komplexität nicht versteckt, sondern zugänglich macht.