Candy Licious ist Aktivistin, Content Creatorin und setzt sich mit großer Reichweite für Vielfalt, Gleichberechtigung und die Rechte der LGBTQIA+ Community ein. Im Rahmen eines UNICEF Panels zum Thema Online Hass haben wir mit ihr über ihre Erfahrungen mit Hasskommentaren, die Bedeutung von Allyship und die Verantwortung von Organisationen und Kommunikationsverantwortlichen gesprochen. Ein Interview über Sichtbarkeit, Haltung und den Mut, nicht wegzuschauen.
Beim UNICEF-Panel hast du über Hate-Kommentare gesprochen. Was bleibt davon bei einem Menschen hängen, und wie waren deine Erfahrungen damit?
Ich kann hier nur für mich sprechen, aber jedes Hate-Kommentar bleibt auf eine gewisse Weise hängen – weil wir Menschen sind. Nicht alle haben das Privileg, die Unterstützung oder die Ressourcen, gut damit umgehen zu können.
Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Kommentare und Momente, in denen ich versucht habe, mit jeder Person – sofern es keine Bots waren – in eine echte Konversation zu gehen. Aber ich habe schnell gemerkt: Viele Menschen, die online Hass schüren, haben gar keine Bereitschaft zu einem Gespräch.
Ich habe versucht, Kommentare zu melden. Ich habe auch versucht, gegen manche rechtlich vorzugehen. Und auch wenn ich anderen gerne Mut machen möchte, muss ich ehrlich sagen: Es ist anstrengend, kostet viel Kraft und kann am Ende leider auch ins Nichts führen.
Was für mich trotzdem hängen bleibt, ist die Bestätigung, dass das, was ich mache, gesehen wird. Und wenn es von jenen gesehen wird, die sich daran stören, dass ich mich für Menschenrechte einsetze, dann wird es auch von jenen gesehen, die sich vielleicht selbst noch nicht trauen, öffentlich Stellung zu beziehen.
Ich mache das, was ich mache, nicht für die Menschen, die mich nicht mögen. Ich mache es für diejenigen, für die ich eine Hilfe, ein Vorbild oder ein kleiner Moment von Mut sein kann.
Warum trifft Hass im Netz so oft jene, die für Vielfalt und Gleichberechtigung sichtbar sind?
Unter anderem, weil Hass im Netz noch immer viel zu unkontrolliert möglich ist. Dabei spreche ich sowohl von den Einstellungen und Mechanismen großer Plattformen wie Meta als auch von der Verantwortung der Politik.
Viele Menschen haben – und das wurde während der Corona-Zeit noch sichtbarer – gelernt, ihre Wut online abzuladen, oft ohne echte Konsequenzen. Sichtbare Personen, die für Vielfalt, Gleichberechtigung oder Menschenrechte stehen, werden dann schnell zur Projektionsfläche.
Wenn wir in unsere Geschichte schauen – etwa auf die Rechte von Frauen, Migrant*innen oder queeren Personen –, sehen wir immer wieder dasselbe Muster: Von den eigentlichen Problemen wird abgelenkt, und Schuld wird häufig jenen gegeben, die aus der vermeintlichen „Masse“ hervorstechen oder bestehende Machtverhältnisse infrage stellen.
Welche Verantwortung haben Kommunikator*innen, wenn es um Sprache, Bilder und Repräsentation geht?
Eine sehr große – und leider wird diese Verantwortung noch zu oft nicht ausreichend wahrgenommen.
Jeder Mensch trägt Verantwortung für die eigene Kommunikation. Aber gerade im professionellen Kommunikationsbereich müssen Unternehmen, Organisationen und Kommunikator*innen sehr genau hinschauen: Welche Bilder verwenden wir? Welche Sprache nutzen wir? Wen zeigen wir? Wen lassen wir aus? Und welche Reaktionen lassen wir auf unseren Plattformen stehen?
Wenn Plattformen Hass nicht ausreichend regulieren, dürfen Organisationen diese Verantwortung nicht einfach weitergeben. Sonst wird die Belastung wieder auf jene Menschen abgewälzt, die ohnehin schon Zielscheibe von Diskriminierung und Hass sind. So weit dürfte es gar nicht erst kommen.
Was macht inklusive Kommunikation aus, und woran scheitert sie oft?
Inklusive Kommunikation bedeutet, alle Menschen mitzudenken – in der Sprache, in Bildern, in Gesprächen, in Entscheidungen und in konkreten Maßnahmen.
Sie scheitert oft daran, dass zwar über Inklusion gesprochen wird, aber die Menschen, die tatsächlich betroffen sind, nicht mit am Tisch sitzen. Es reicht nicht, über Communities zu sprechen. Man muss mit ihnen sprechen, ihnen zuhören und sie aktiv einbeziehen.
Wie können Organisationen Haltung zeigen, ohne Vielfalt nur als PR-Thema zu benutzen?
Indem sie Haltung nicht nur dann zeigen, wenn es gerade gut in den Kommunikationskalender passt. Es braucht auch außerhalb des Pride Month klare Positionierungen zu Themen wie Gender, sexuelle Orientierung, Rassismus, Barrierefreiheit oder soziale Gerechtigkeit.
Echte Haltung orientiert sich nicht an einem Monat oder einer Kampagne, sondern an Verantwortung. Sie zeigt sich dann, wenn es unbequem wird. Dann, wenn Kritik kommt. Dann, wenn man nicht nur Reichweite bekommt, sondern auch Gegenwind.
Was wir brauchen, ist dauerhafte Sichtbarkeit und die Sichtbarmachung dessen, wofür wir kämpfen: eine Zukunft für uns und für die Generationen nach uns – ohne Krieg, Diskriminierung und Hass.
Was ist echtes Allyship, und was bleibt reine Symbolik?
Echtes Allyship bedeutet hinzuschauen, nachzufragen, zuzuhören und sich klar zu positionieren. Es bedeutet auch, zu respektieren, was die betroffene Person oder Community tatsächlich braucht – und nicht einfach das zu tun, was sich für einen selbst gut anfühlt.
Ich kann eine Regenbogenfahne schwingen, weil ich die Farben schön finde und hoffe, dass Kund*innen dadurch mehr kaufen. Oder ich kann sie schwingen, weil ich möchte, dass trans Personen ernst genommen werden – und mich auch am 19. Oktober, also an irgendeinem ganz normalen Tag außerhalb des Pride Month, dafür einsetzen.
Ein echter Ally ist eine Person, die nicht nur zuschaut, wenn andere angegriffen werden. Ein Ally schreitet ein, stellt sich daneben, verteidigt mit und übernimmt Verantwortung – gerade dann, wenn die betroffene Person oder Gruppe nicht die Kraft oder Sicherheit hat, es allein zu tun.
Wie sollte man als Organisation mit Hate-Kommentaren umgehen?
Organisationen sollten Hate-Kommentare nicht einfach stehen lassen. Sie sollten sie melden, löschen, dokumentieren und klare Community-Regeln haben. Gleichzeitig können sie andere Menschen aktiv dazu ermutigen, positive, unterstützende Kommentare zu hinterlassen, damit der Hass nicht den gesamten Raum einnimmt.
Wichtig ist aber auch, das nicht nur als Moderationsaufgabe zu sehen. Hate-Kommentare zeigen uns, dass wir gerade im digitalen Raum noch sehr viel zu tun haben. Organisationen sollten sich damit beschäftigen, welche Stellen helfen können, wie man Betroffene entlastet und wie man Hass konsequent meldet oder rechtlich prüfen lässt.
Einzelpersonen haben oft nicht die Ressourcen, das alles allein zu stemmen. Genau deshalb braucht es hier mehr Verantwortung von Organisationen, Plattformen und Politik.
Was wünschst du dir von der PR-Branche?
Ich wünsche mir – unabhängig von der Branche –, dass bei Themen wie Diversity, Inklusion und Gleichberechtigung immer jene Menschen mit an den Tisch geholt werden, um die es tatsächlich geht.
Ich kann keine glaubwürdige Pride-Kampagne machen, ohne zu wissen, was Pride bedeutet. Ich kann nicht über queere Sichtbarkeit sprechen, ohne zu verstehen, welche rechtlichen und gesellschaftlichen Kämpfe in Österreich und darüber hinaus noch offen sind.
Leider passiert genau das oft: Kampagnen greifen ein Thema auf, aber die Menschen, um die es geht, werden nicht wirklich repräsentiert oder beteiligt. Dann bleibt Vielfalt Dekoration – und keine echte Haltung.
Welche konkrete Veränderung können Kommunikationsverantwortliche schon morgen angehen?
Nicht wegschauen.
Das klingt einfach, ist aber ein sehr konkreter erster Schritt. Kommunikationsverantwortliche können sich beteiligen, Haltung zeigen, mit Politiker*innen sprechen, bessere gesetzliche Rahmenbedingungen gegen Online-Hass einfordern und im eigenen Umfeld darüber sprechen.
Sie können morgen beginnen, die eigenen Kanäle zu überprüfen: Welche Kommentare lassen wir stehen? Wen zeigen wir? Welche Sprache verwenden wir? Welche Stimmen fehlen? Und wo müssen wir Verantwortung übernehmen, statt neutral zu bleiben?
Was gibt dir Hoffnung?
Andere Menschen geben mir Hoffnung. Menschen, die an meiner Seite sind. Menschen, die selbst vielleicht nicht das Privileg oder die Kraft haben zu kämpfen. Und Menschen, die vielleicht durch das, was ich tue, an einem Tag ein kleines bisschen mehr lächeln können.
Ich wünsche mir für mich, aber auch für alle anderen, eine schönere Welt – ohne Krieg, Diskriminierung und Hass.
Wenn ich diese Hoffnung nicht hätte, würde ich wahrscheinlich aufgeben. Aber ich habe mir irgendwann gesagt: Nein, Candy, du gibst nicht auf.
Und das tue ich nicht. Weil ich weiß, dass ich nicht alleine bin.