Am 12. März 2026 luden wir im Rahmen unseres PRofi-Treffs zu einer Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „50 Jahre Frauenrecht auf Selbstbestimmung“ in den The Social Hub Vienna. Anlass war der Internationale Frauentag, rund um den der Verband einen Blick auf fünf Jahrzehnte Gleichstellungsentwicklung in Österreich warf – und gleichzeitig diskutierte, wie diese Errungenschaften künftig gesichert werden können.
Organisiert von der Task Force „Diversität & Inklusion“ des PRVA kamen Vertreter:innen aus unterschiedlichen Generationen zusammen, um historische Entwicklungen, aktuelle Herausforderungen und zukünftige Perspektiven der Gleichstellung zu diskutieren. Moderiert wurde das Panel von Autorin, politischer Beobachterin und Diversity/Inclusion Expertin Pamela Rath.
Moderation: Pamela Rath
Zu Beginn wurde Feminismus als Grundsatz definiert, dass alle Menschen gleiche Rechte haben sollen. Ergänzend betonte Maciej Palucki, dass Gleichstellung nicht nur ein Wertebekenntnis sei: Sie erfordere Bewusstsein für strukturelle Ungleichheiten sowie aktives Fordern und Fördern.
„Gleichstellung ist weit mehr als ein Wert – sie erfordert ein tiefes Bewusstsein für strukturelle Ungleichheiten und die konsequente Forderung nach Veränderung. Der Fokus muss auf einem ‚Fix-the-System‘-Ansatz liegen, nicht auf dem ‚Fixing Women‘“, so Palucki.
Die Diskussion zeigte, dass die letzten fünf Jahrzehnte tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen gebracht haben. Historische Meilensteine in Österreich reichen vom Frauenwahlrecht über zentrale Reformen der 1970er-Jahre bis hin zu gesetzlichen Fortschritten wie der Abschaffung der Vergewaltigung in der Ehe. Besonders hervorgehoben wurde das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren eigenen Körper, das 1975 gesetzlich verankert wurde.
„Rechte, die wir heute als selbstverständlich ansehen, waren einst hart erkämpft und müssen aktiv verteidigt werden. ‚Legale Gleichheit‘ ist nicht gleich ‚gelebte Gleichheit‘ – das ist unsere ständige Aufgabe als Gesellschaft“, betonte Anna Wallner.
Ein persönlicher Zugang prägte viele Beiträge am Podium: Die Panelist:innen berichteten von ihren Müttern und Großmüttern und den sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten der Generationen. Während frühere Generationen oft in wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Abhängigkeit lebten, wurden viele dieser Frauen gleichzeitig als frühe Vorbilder für Selbstständigkeit und Stärke wahrgenommen.
Auch kulturelle Hintergründe beeinflussen, wie weibliche Erwerbstätigkeit wahrgenommen wird. In manchen Gesellschaften war es selbstverständlich, dass Frauen arbeiten, während dies im deutschsprachigen Raum lange als Ausnahme galt.
Viele Frauen seien mit dem Gefühl aufgewachsen, Gleichberechtigung sei bereits erreicht – eine Wahrnehmung, die im Berufsleben oft relativiert werde. „Viele von uns wuchsen mit dem Gefühl auf, Gleichstellung sei bereits erreicht, nur um im Berufsleben die ‚gläserne Decke‘ zu erleben. Es braucht mehr als nur ‚Fixing Women‘; wir müssen die Strukturen ändern, die Ungleichheit produzieren“, erklärte Kosima Kovar.
Als zentrale Ursachen für anhaltende Ungleichheit wurden patriarchale Machtstrukturen und religiöse Traditionen genannt. Viele Weltreligionen seien historisch von Männern geprägt worden, wodurch weibliche Perspektiven systematisch aus religiösen Schriften und Institutionen ausgeschlossen wurden.
Auch historische Narrative wurden kritisch hinterfragt: Archäologische Neufunde zeigen, dass das bekannte Bild vom männlichen Jäger und der weiblichen Sammlerin nicht haltbar ist. Viele Geschichtsbilder seien aus einer überwiegend männlichen Perspektive überliefert worden.
Dass patriarchale Strukturen keine biologische Notwendigkeit sind, verdeutlichen Beispiele matrilinearer Gesellschaften wie jene der Ashanti in Ghana, in denen Abstammung und soziale Organisation über die mütterliche Linie geregelt werden.
Mehrere Panelist:innen warnten vor einem aktuellen Backlash gegen feministische Errungenschaften. Soziale Medien, KI-gestützte Falschinformationen und der Rückzug von Faktenchecks auf Plattformen großer Technologiekonzerne erschweren zunehmend faktenbasierte Debatten über Gleichstellung.
„In Zeiten des digitalen Backlashs ist es entscheidend, die faktenbasierte Debatte zu Frauenrechten zu schützen. Kommunikation spielt hier eine zentrale Rolle, um Desinformation entgegenzuwirken und positive Narrative zu stärken“, erklärte Daniela Soykan-Tober.
Gerade deshalb sei es wichtig, Fortschritte nicht als selbstverständlich zu betrachten. Errungenschaften könnten auch wieder verloren gehen, wenn sie nicht aktiv verteidigt werden.
Als zentrale Stellschrauben für die Zukunft wurden mehrere Maßnahmen diskutiert:
Lohntransparenz:
Sie gilt als einer der wirksamsten Hebel gegen den Gender Pay Gap. Solange Gehaltsunterschiede bestehen, bleiben strukturelle Ungleichheiten auch gesellschaftlich legitimiert.
Strukturelle Rahmenbedingungen:
Gesellschaftlicher Druck und gesetzliche Regelungen – etwa zur gleichmäßigen Aufteilung der Karenz – wurden als notwendig erachtet. Freiwillige Veränderungen allein würden zu langsam wirken.
Frühe Sozialisation:
Geschlechterrollen beginnen sich bereits zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr zu verfestigen. Fehlende männliche Bezugspersonen in der Elementarpädagogik sowie stark gendercodierte Konsumprodukte verstärken stereotype Rollenzuschreibungen.
Der sogenannte „Confidence Gap“ entsteht laut Diskussion oft schon im Alter von acht bis neun Jahren: Sobald Mädchen stärker als weiblich wahrgenommen werden, setzt gesellschaftliche Bewertung ein, während das Selbstbewusstsein von Jungen meist stabil bleibt.
„Gender-Stereotypen beginnen sich schon im frühen Kindesalter zu verfestigen. Eine gezielte Stereotypenreduktion in Bildungseinrichtungen und die Förderung männlicher Bezugspersonen in der Elementarpädagogik sind unerlässlich, um den ‚Confidence Gap‘ bei Mädchen entgegenzuwirken“, erläuterte Moderatorin Pamela Rath.
Ein weiterer Punkt der Diskussion war die gesellschaftliche Erwartung an Frauen, „funktionieren“ zu müssen. Die Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie und gesellschaftliche Erwartungen führe häufig zu Erschöpfung. Dadurch würden Fortschritte nicht aktiv eingefordert und Rückschritte blieben oft lange unbemerkt.
Gleichzeitig wurde betont, dass Männer eine zentrale Rolle bei der Veränderung von Strukturen spielen. Selbst in progressiven Umfeldern reproduzieren Männer häufig unbewusst sexistische Verhaltensweisen. Als wirksame Intervention gilt das direkte, respektvolle Eingreifen durch andere Männer – etwa mit einfachen Sätzen wie: „Lass sie doch ausreden.“
Die Diskussion machte deutlich: 50 Jahre Frauenrechte in Österreich markieren bedeutende Fortschritte – doch Gleichstellung ist kein abgeschlossener Prozess. Sie muss kontinuierlich verteidigt, weiterentwickelt und aktiv gestaltet werden.
Der PRVA-PRofi-Treff zeigte eindrucksvoll, wie wichtig der generationenübergreifende Austausch ist, um Erfahrungen sichtbar zu machen, strukturelle Ungleichheiten zu benennen und konkrete Schritte für eine gerechtere Zukunft zu entwickeln. Gerade im Jubiläumsjahr wurde klar: Selbstbestimmung bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe – für Frauen und Männer gleichermaßen.