Am 12. März 2026 widmete sich der Profi-Treff im Haus der Industrie in Wien einem Thema, das in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gleichermaßen an Bedeutung gewonnen hat: der Transparenz in der Kommunikation. Unter dem Titel „Ambivalenz der digitalen Transparenz“ beleuchtete der Kommunikationswissenschaftler und PR-Berater Philip Wamprechtsamer (ikp Wien) die Chancen, Grenzen und Spannungsfelder eines Ideals, das heute fast selbstverständlich eingefordert wird – dessen Bedeutung jedoch komplexer ist, als es zunächst scheint.
Transparenz als Leitideal der PR
In der Public-Relations-Forschung gilt Transparenz traditionell als zentraler normativer Anspruch. Der PR-Theoretiker Horst Avenarius bezeichnete sie als Kernauftrag professioneller Öffentlichkeitsarbeit, da transparente Kommunikation Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Reputation stärkt.
Doch Transparenz ist keineswegs nur positiv konnotiert. Wamprechtsamer stellte auch eine kritische Perspektive aus der sozialwissenschaftlichen Literatur vor: Transparenz könne ebenso als Machtinstrument wirken. In diesem Verständnis wird sie zur „Tyrannei der Transparenz“, die Kontrolle und Disziplinierung erzeugt – statt Vertrauen.
Vom religiösen Beobachter zur digitalen Öffentlichkeit
Ein historischer Exkurs zeigte, wie sich das Transparenzideal im Laufe der Zeit entwickelt hat. In der Vormoderne galt Gott als allwissender Beobachter gesellschaftlicher Vorgänge. Erst mit der Aufklärung und der Verbreitung des Buchdrucks entstand ein gesellschaftliches Ideal der Offenheit und öffentlichen Kontrolle.
Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beschrieben diesen Prozess als „Entzauberung der Welt“. In der heutigen Mediengesellschaft hat sich Transparenz jedoch weiter transformiert: In der Spätmoderne löst sich ihre Darstellung zunehmend von der gesellschaftlichen Realität. Transparenz wird zu einem medial erzeugten Phänomen – einer Art „Hyper-Reality“, die nicht zwingend mit tatsächlicher Offenheit übereinstimmt.
Drei Dimensionen von Transparenz
Im Zentrum des Vortrags stand ein Modell mit drei unterschiedlichen Formen von Transparenz:
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Normative Transparenz, die auf offenen Dialog und demokratische Verständigung abzielt (in Anlehnung an Jürgen Habermas).
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Instrumentelle Transparenz, die Transparenz als Mittel der Kontrolle und Effizienz versteht, etwa im Sinne des Panoptikums von Jeremy Bentham und der Machtanalysen von Michel Foucault.
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Expressive Transparenz, die Authentizität und persönliche Offenheit betont, wie sie bereits Jean-Jacques Rousseau formulierte.
Diese Perspektiven verdeutlichen, dass Transparenz kein einheitlicher Wert ist, sondern ein vielschichtiges und ambivalentes Konzept.
Digitalisierung erhöht den Transparenzdruck
Eine empirische Befragung von Kommunikationspraktikerinnen und -praktikern zeigt laut Wamprechtsamer, dass Digitalisierung und Social Media den Druck auf Organisationen erheblich erhöht haben. Während PR-Verantwortliche früher vor allem mit Journalistinnen und Journalisten kommunizierten, stehen sie heute in direktem Austausch mit zahlreichen Stakeholdern – von Kundinnen und Kunden bis hin zu Online-Communities.
Damit wächst auch das Spannungsfeld der PR-Praxis: Kommunikationsverantwortliche bewegen sich permanent zwischen den Interessen der Öffentlichkeit und jenen der Organisation. Eine Interviewpartnerin beschrieb diese Rolle treffend als „Kreisel zwischen Vorstand und Außenwelt“.
Transparenzparadox durch Algorithmen und KI
Besondere Aufmerksamkeit widmete der Vortrag den Auswirkungen digitaler Technologien. Algorithmen und künstliche Intelligenz verändern zunehmend, welche Inhalte sichtbar werden und wie Kommunikation funktioniert. Filterblasen und Echokammern erschweren einen rationalen Diskurs, während algorithmische Entscheidungsprozesse für Außenstehende oft kaum nachvollziehbar sind.
Zugleich stellen KI-generierte Inhalte das Ideal der authentischen Kommunikation infrage: Wenn Inhalte automatisiert entstehen, wird Transparenz selbst schwieriger zu überprüfen.
Zwischen Offenheit und strategischer Kommunikation
Ein zentrales Fazit des Abends: Vollständige Transparenz ist weder erreichbar noch unbedingt wünschenswert. Studien – etwa zur Piratenpartei Deutschland – zeigen, dass Organisationen immer über Vor- und Hinterbühnen verfügen. Auch strategische Kommunikation beinhaltet zwangsläufig Auswahl, Gewichtung und Framing von Informationen.
Hinzu kommen rechtliche Rahmenbedingungen wie die Datenschutz-Grundverordnung, die insbesondere in sensiblen Bereichen – etwa der Gesundheitskommunikation – Grenzen für Offenheit setzen.
Gleichzeitig kann Transparenz ein Motor für organisationales Lernen und Veränderung sein: Offener Dialog, reflektierte Kommunikation und glaubwürdiges Storytelling helfen Organisationen, blinde Flecken zu erkennen und Wandel authentisch zu vermitteln.
Transparenz bleibt ein Ideal
Der Vortrag machte deutlich: Transparenz ist kein Zustand, der vollständig erreicht werden kann, sondern ein Leitideal, dem sich Organisationen in ihrer Kommunikation annähern. Die zentrale Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen Offenheit, Verantwortung und strategischer Kommunikation zu finden.
Der Profi-Treff bot damit nicht nur einen fundierten Einblick in aktuelle wissenschaftliche Debatten, sondern auch wertvolle Impulse für die Kommunikationspraxis in einer zunehmend digitalisierten Öffentlichkeit.