Ambivalenz der digitalen Transparenz

Haus der Industrie // Wien
Profi-Treff
12. März 2026
Schwarzenbergplatz 4, 1030 Wien, Neuer Saal

Egal ob in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft – in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen wird Transparenz eingefordert. Doch was bedeutet es eigentlich, transparent zu kommunizieren, und warum ist Transparenz von zentraler ethischer Bedeutung?

In seinem Vortrag zeichnet der Kommunikationswissenschaftler und PR-Berater Philip Wamprechtsamer die historische Entwicklung des modernen Transparenzideals nach. Er beleuchtet die Funktionen von Transparenz in der Public Relations und diskutiert deren Chancen ebenso wie die Herausforderungen, die mit diesem ambivalenten Ideal verbunden sind – insbesondere im Kontext der Digitalisierung.

Ein besonderer Fokus liegt auf den Risiken und Spannungsfeldern, die sich durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und algorithmischer Kommunikation ergeben. Wie verändern digitale Technologien Transparenz, Vertrauen und Verantwortung? Und wo stößt das Ideal transparenter Kommunikation an seine Grenzen?

Referent:

Philip Wamprechtsamer ist Kommunikationswissenschaftler und PR-Berater bei ikp Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen strategische Öffentlichkeitsarbeit, digitale Kommunikation und PR-Ethik.

Nachbericht

Am 12. März 2026 widmete sich der Profi-Treff im Haus der Industrie in Wien einem Thema, das in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gleichermaßen an Bedeutung gewonnen hat: der Transparenz in der Kommunikation. Unter dem Titel „Ambivalenz der digitalen Transparenz“ beleuchtete der Kommunikationswissenschaftler und PR-Berater Philip Wamprechtsamer (ikp Wien) die Chancen, Grenzen und Spannungsfelder eines Ideals, das heute fast selbstverständlich eingefordert wird – dessen Bedeutung jedoch komplexer ist, als es zunächst scheint.

Transparenz als Leitideal der PR

In der Public-Relations-Forschung gilt Transparenz traditionell als zentraler normativer Anspruch. Der PR-Theoretiker Horst Avenarius bezeichnete sie als Kernauftrag professioneller Öffentlichkeitsarbeit, da transparente Kommunikation Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Reputation stärkt.

Doch Transparenz ist keineswegs nur positiv konnotiert. Wamprechtsamer stellte auch eine kritische Perspektive aus der sozialwissenschaftlichen Literatur vor: Transparenz könne ebenso als Machtinstrument wirken. In diesem Verständnis wird sie zur „Tyrannei der Transparenz“, die Kontrolle und Disziplinierung erzeugt – statt Vertrauen.

Vom religiösen Beobachter zur digitalen Öffentlichkeit

Ein historischer Exkurs zeigte, wie sich das Transparenzideal im Laufe der Zeit entwickelt hat. In der Vormoderne galt Gott als allwissender Beobachter gesellschaftlicher Vorgänge. Erst mit der Aufklärung und der Verbreitung des Buchdrucks entstand ein gesellschaftliches Ideal der Offenheit und öffentlichen Kontrolle.

Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beschrieben diesen Prozess als „Entzauberung der Welt“. In der heutigen Mediengesellschaft hat sich Transparenz jedoch weiter transformiert: In der Spätmoderne löst sich ihre Darstellung zunehmend von der gesellschaftlichen Realität. Transparenz wird zu einem medial erzeugten Phänomen – einer Art „Hyper-Reality“, die nicht zwingend mit tatsächlicher Offenheit übereinstimmt.

Drei Dimensionen von Transparenz

Im Zentrum des Vortrags stand ein Modell mit drei unterschiedlichen Formen von Transparenz:

  • Normative Transparenz, die auf offenen Dialog und demokratische Verständigung abzielt (in Anlehnung an Jürgen Habermas).

  • Instrumentelle Transparenz, die Transparenz als Mittel der Kontrolle und Effizienz versteht, etwa im Sinne des Panoptikums von Jeremy Bentham und der Machtanalysen von Michel Foucault.

  • Expressive Transparenz, die Authentizität und persönliche Offenheit betont, wie sie bereits Jean-Jacques Rousseau formulierte.

Diese Perspektiven verdeutlichen, dass Transparenz kein einheitlicher Wert ist, sondern ein vielschichtiges und ambivalentes Konzept.

Digitalisierung erhöht den Transparenzdruck

Eine empirische Befragung von Kommunikationspraktikerinnen und -praktikern zeigt laut Wamprechtsamer, dass Digitalisierung und Social Media den Druck auf Organisationen erheblich erhöht haben. Während PR-Verantwortliche früher vor allem mit Journalistinnen und Journalisten kommunizierten, stehen sie heute in direktem Austausch mit zahlreichen Stakeholdern – von Kundinnen und Kunden bis hin zu Online-Communities.

Damit wächst auch das Spannungsfeld der PR-Praxis: Kommunikationsverantwortliche bewegen sich permanent zwischen den Interessen der Öffentlichkeit und jenen der Organisation. Eine Interviewpartnerin beschrieb diese Rolle treffend als „Kreisel zwischen Vorstand und Außenwelt“.

Transparenzparadox durch Algorithmen und KI

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Vortrag den Auswirkungen digitaler Technologien. Algorithmen und künstliche Intelligenz verändern zunehmend, welche Inhalte sichtbar werden und wie Kommunikation funktioniert. Filterblasen und Echokammern erschweren einen rationalen Diskurs, während algorithmische Entscheidungsprozesse für Außenstehende oft kaum nachvollziehbar sind.

Zugleich stellen KI-generierte Inhalte das Ideal der authentischen Kommunikation infrage: Wenn Inhalte automatisiert entstehen, wird Transparenz selbst schwieriger zu überprüfen.

Zwischen Offenheit und strategischer Kommunikation

Ein zentrales Fazit des Abends: Vollständige Transparenz ist weder erreichbar noch unbedingt wünschenswert. Studien – etwa zur Piratenpartei Deutschland – zeigen, dass Organisationen immer über Vor- und Hinterbühnen verfügen. Auch strategische Kommunikation beinhaltet zwangsläufig Auswahl, Gewichtung und Framing von Informationen.

Hinzu kommen rechtliche Rahmenbedingungen wie die Datenschutz-Grundverordnung, die insbesondere in sensiblen Bereichen – etwa der Gesundheitskommunikation – Grenzen für Offenheit setzen.

Gleichzeitig kann Transparenz ein Motor für organisationales Lernen und Veränderung sein: Offener Dialog, reflektierte Kommunikation und glaubwürdiges Storytelling helfen Organisationen, blinde Flecken zu erkennen und Wandel authentisch zu vermitteln.

Transparenz bleibt ein Ideal

Der Vortrag machte deutlich: Transparenz ist kein Zustand, der vollständig erreicht werden kann, sondern ein Leitideal, dem sich Organisationen in ihrer Kommunikation annähern. Die zentrale Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen Offenheit, Verantwortung und strategischer Kommunikation zu finden.

Der Profi-Treff bot damit nicht nur einen fundierten Einblick in aktuelle wissenschaftliche Debatten, sondern auch wertvolle Impulse für die Kommunikationspraxis in einer zunehmend digitalisierten Öffentlichkeit.

PRVA
Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und dienen dazu, Sie wiederzuerkennen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und unserem Team zu helfen, zu verstehen, welche Bereiche der Website Sie am interessantesten und nützlichsten finden.